Das Thema der Kinder- und Jugendpsychotherapie in Nordrhein-Westfalen beschäftigt aktuell viele Familien und Fachkräfte gleichermaßen. Viele Eltern berichten von erschreckend langen Wartezeiten – bis zu 18 Monate, in extremen Fällen sogar bis zu drei Jahren. Diese Situation ist nicht nur frustrierend, sondern kann für die betroffenen Kinder gravierende Folgen haben. Wir sprechen hier von chronischen Erkrankungen, die durch die verzögerte Therapie entstehen können. Und während die Krankenkassen in offiziellen Statistiken von einer guten Versorgung sprechen, sieht es die Realität ganz anders aus, wie der Dortmunder Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut Dustin Fornefeld eindrucksvoll schildert.

Fornefeld hat vor zwei Monaten seine Praxis „mutigundsein“ eröffnet, nachdem er stolze 65.000 Euro Kredit aufgenommen und über 120.000 Euro in seine Ausbildung investiert hat. Doch trotz seines Engagements bleibt ihm nach Abzug aller Kosten pro Sitzung nur ein magerer Betrag von 20 bis 25 Euro netto. Und das, obwohl viele zusätzliche Leistungen wie Telefonate mit Schulen oder das Ausfüllen von Anträgen nicht vergütet werden. Die Honorarkürzung von 4,5 Prozent, die seit dem 1. April 2023 in Kraft ist, trifft ihn zusätzlich hart – monatlich fehlen ihm so zwischen 400 und 500 Euro. Es ist kaum zu fassen, dass Therapeuten es sich finanziell kaum leisten können, Kassenpatienten zu behandeln, während Privatversicherte stabilere Honorare bieten.

Die Realität der Wartezeiten

Warten auf einen Therapieplatz – das ist für viele Kinder und Jugendliche die traurige Realität. Offizielle Zahlen sprechen von Wartezeiten von durchschnittlich 3 bis 6 Monaten für einen Therapieplatz, aber diese Zeitspanne ist nur ein Durchschnittswert. In ländlichen Gebieten, besonders im Ruhrgebiet und Ostdeutschland, sieht die Situation oft noch düsterer aus. Hier kann die Suche nach einem Platz für die benötigte Unterstützung zur echten Geduldsprobe werden. Fornefeld hat bereits eine Warteliste eröffnet, alle Plätze für gesetzlich Versicherte sind belegt. Jede Woche kommen fünf neue Familien in seine Praxis, und die dringende Nachfrage ist offensichtlich.

In Großstädten wie Berlin oder Hamburg gibt es zwar mehr Therapeuten pro Einwohner, doch auch die Nachfrage ist dort höher. Das führt zu einem ständigen Wettlauf um die besten Plätze. Die Terminservicestelle (TSS) der Kassenärztlichen Vereinigung versucht, dem entgegenzuwirken, indem sie eine gesetzliche Vermittlungsgarantie bietet. Innerhalb von vier Wochen soll ein Termin für ein Erstgespräch vermittelt werden. Doch wie realistisch ist das, wenn die Angebote in der Praxis oft weit hinter den Bedürfnissen der Patienten zurückbleiben?

Ein verzweifelter Appell

Die Situation ist besonders alarmierend, wenn wir die Statistiken zur Suizidrate unter jungen Menschen betrachten – die häufigste Todesursache in dieser Altersgruppe. Fornefeld sieht sich oft hilflos, weil er nicht helfen kann, da die gesetzliche Krankenversicherung ihn daran hindert. Er muss sich gezwungen fühlen, mehr Privatversicherte zu behandeln, um finanziell über die Runden zu kommen. Es ist ein Teufelskreis, der die Bedürftigsten trifft, denn die, die am meisten Unterstützung benötigen, haben oft keine Lobby, um für ihre Belange einzutreten.

Werbung
Hier könnte Ihr Advertorial stehen
Ein Advertorial bietet Unternehmen die Möglichkeit, ihre Botschaft direkt im redaktionellen Umfeld zu platzieren

Die WHO hat einmal gesagt, dass jeder Euro, der in Psychotherapie investiert wird, vier Euro an die Gesellschaft zurückbringt. Vielleicht wäre es an der Zeit, dass die Entscheidungsträger das System überdenken und die wahren Bedürfnisse der Betroffenen ins Zentrum stellen. Denn während die Statistiken eine gute Versorgung suggerieren, sieht die Realität für viele Familien ganz anders aus – und das sollte uns alle zum Nachdenken anregen.