Die Verbindung von Therapie und Rollenspiel mag auf den ersten Blick ungewöhnlich erscheinen, doch der Psychotherapeut Benjamin Lechner aus Wien hat mit seinem Ansatz „Psychotherapie & Drachen“ eine spannende Methode entwickelt. Er nutzt das Spiel Dungeons & Dragons (D&D) in seiner Gruppentherapie mit Jugendlichen, um diesen dabei zu helfen, sich mit ihren eigenen Gefühlen und Herausforderungen auseinanderzusetzen. Caro, Redakteurin bei MeinMMO, hat Lechner in einem aufschlussreichen Interview über seine Erfahrungen befragt.

Lechner, der seit 2019 in freier Praxis arbeitet, hat eine juristische Ausbildung hinter sich, fühlte sich jedoch in dieser Rolle eingeschränkt und fand seinen Weg zur Psychotherapie. In der Therapie verwendet er D&D nicht als völlig neues Konzept, sondern integriert es als bewährtes Werkzeug, das im Psychodrama häufig Anwendung findet. Spieler erschaffen Charaktere mit individuellen Eigenschaften und Geschichten, was ihnen oft erleichtert, über ihre eigenen Emotionen zu sprechen.

D&D als therapeutisches Werkzeug

In den Gruppensitzungen, die Lechner leitet, beginnen die Teilnehmer mit einer Eingangsrunde, in der sie ihre aktuellen Gefühle teilen. Anschließend werden zu Beginn des Gruppenjahres die Charaktere ausgearbeitet. Die Teilnehmer tauchen dann mithilfe einer „Check-in-Frage“ in ihre Rollen ein. Die Spielphase dauert in der Regel 30 bis 45 Minuten und wird von einer Feedbackrunde gefolgt, in der die Erfahrungen der Spieler reflektiert werden. Lechner hat festgestellt, dass die Jugendlichen oft leichter über ihre Charaktere sprechen können als über sich selbst, was die therapeutische Arbeit enorm erleichtert.

Ein weiterer interessanter Aspekt ist, dass Lechner eine vereinfachte Version des D&D-Regelwerks verwendet, die speziell für die Therapie entwickelte Set „Critical Core“. Damit gelingt es ihm, die Hürden, die das Spiel sonst mit sich bringen könnte, abzubauen und den Fokus auf die therapeutischen Prozesse zu lenken. Der größte Unterschied zum klassischen Psychodrama ist, dass das Spiel oft im Sitzen stattfindet, was die Identifikation mit der Rolle beeinflussen kann.

Eine gemeinschaftliche Erfahrung

Lechner selbst ist ein begeisterter D&D-Spieler und nutzt das Spiel auch in seinem privaten Leben, besonders in schwierigen Zeiten. Er beschreibt seine Lieblingsklasse, den Barbaren, als eine Möglichkeit, in stressigen Momenten weniger Gedanken zu haben und einfach loszulassen. Für ihn ist D&D nicht nur ein Spiel, sondern eine tiefere, gemeinschaftliche Erfahrung, die auch in der Therapie einen großen Wert hat.

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Die Rückmeldungen der Teilnehmer sind für Lechner von zentraler Bedeutung. Er vermeidet es, finale Deutungen über die Charaktere vorzunehmen, und legt den Fokus stattdessen auf das Lernen der Klienten aus ihrem Rollenspiel. Diese Art der Therapie hat sich als besonders wertvoll erwiesen, da sie den Jugendlichen nicht nur einen Raum bietet, in dem sie sich sicher fühlen, sondern sie auch ermutigt, ihre eigenen Geschichten zu erzählen und zu verarbeiten.

Mit der Kombination aus Kreativität, Rollenspiel und psychotherapeutischer Arbeit schafft Lechner einen Raum, in dem Jugendliche über ihre Herausforderungen sprechen können, ohne sich dem Druck der direkten Konfrontation stellen zu müssen. So wird D&D zu einem kraftvollen Werkzeug, das nicht nur zur Unterhaltung dient, sondern auch als Brücke zur Selbstreflexion und Heilung fungiert.

Insgesamt zeigt sich, dass die Verbindung von Psychotherapie und kreativen Ansätzen wie D&D nicht nur innovativ, sondern auch äußerst effektiv sein kann. Lechner und seine Arbeit sind ein hervorragendes Beispiel dafür, wie moderne therapeutische Methoden aussehen können und wie wichtig es ist, dass sich Fachleute auch außerhalb der traditionellen Grenzen bewegen, um den Klienten bestmöglich zu unterstützen.