Rebecca Kleine blickt auf eine lange und steinige Reise zurück, die sie durch die Schatten ihrer Jugend geführt hat. Seitdem sie denken kann, ist sie von Depressionen begleitet, einem ungebetenen Mitbewohner, der ihr Leben über viele Jahre hinweg bestimmt hat. Es dauerte satte sieben Jahre, bis der Mut in ihr wuchs, sich einer Therapie zu stellen. Ein ganzes Jahr wartete sie auf fünf verschiedenen Wartelisten, bis sie schließlich im Januar 2025 einen Therapieplatz ergatterte. Ihre Fortschritte sind spürbar – sie hat sich verbessert, aber der Weg zur vollständigen Gesundheit ist noch weit.
Jetzt, im Jahr 2026, steht sie vor einer weiteren Herausforderung: Ihre Therapie neigt sich dem Ende zu. Im Herbst wird die Tür zum Therapiezimmer, die ihr so lange Halt gegeben hat, sich schließen. Ein Wechsel von der Kurzzeit- zur Langzeittherapie wäre möglich gewesen, doch die finanziellen Rahmenbedingungen – in Form von Honorarkürzungen für gesetzlich Versicherte – machen dies unmöglich. Ihre Therapeutin kann die Langzeittherapie einfach nicht mehr anbieten. Ein Dilemma, das viele Menschen in ähnlicher Lage betrifft.
Warten auf Hilfe: Ein gesellschaftliches Problem
Die durchschnittliche Wartezeit auf einen Therapieplatz liegt bei etwa fünf Monaten. Das zeigt eine Studie des Innovationsausschusses des GBA. Dennoch ist die Realität für viele Hilfesuchende weit weniger rosig – insbesondere für schwer psychisch Kranke, die oft Schwierigkeiten haben, einen Platz zu finden. Stefanie Stoff-Ahnis, stellvertretende Vorstandsvorsitzende des Verbandes, macht deutlich, dass es zwar kein grundsätzliches Mangelangebot an Therapieplätzen gibt, jedoch die Versorgung für die am schwersten Betroffenen unzureichend bleibt.
Die Kritik am System ist laut. Mehr als die Hälfte der Anfragen an die Terminservicestellen wurden im Jahr 2023 nicht oder nicht fristgerecht, also innerhalb von vier Wochen, vermittelt. Dies führt dazu, dass viele Menschen in einer Zeit, in der sie dringend Hilfe benötigen, im Regen stehen gelassen werden. Während die Zahl der Patientinnen und Patienten in psychotherapeutischer Behandlung in den letzten zehn Jahren um mehr als 60 Prozent gestiegen ist, bleiben zu viele auf der Strecke.
Die finanzielle Schieflage
Ein Blick auf die Zahlen zeigt, dass die Kosten der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) für psychotherapeutische Leistungen von 2,5 Milliarden Euro im Jahr 2014 auf 4,6 Milliarden Euro im Jahr 2023 angestiegen sind. Dies mag auf den ersten Blick positiv erscheinen, doch etwa 40 Prozent der Behandlungen umfassen weniger als zwölf Behandlungsstunden. Der GKV-SV kritisiert die einseitige Förderung der Kurzzeittherapie und fordert eine Beendigung dieser Praxis. Schließlich werden jährlich über 80 Millionen Euro für Honorarzuschläge für Kurzzeittherapien aufgewendet, während die Langzeittherapien ins Hintertreffen geraten.
Ein besorgniserregender Trend zeichnet sich ab. In den kommenden Jahren wird der Bedarf an Psychotherapie voraussichtlich weiter steigen, insbesondere bedingt durch die Corona-Pandemie und den zunehmenden Cannabiskonsum unter Jugendlichen und Kindern. Die Zahl der Krankschreibungen wegen psychischer Erkrankungen hat ebenfalls zugenommen. In städtischen Gebieten gibt es zwar eine höhere Dichte an Psychotherapeuten, aber die Wartezeiten variieren stark je nach Art der psychischen Erkrankung und Region.
Der Blick in die Zukunft
Wie es weitergeht, bleibt ungewiss. Seit April 2026 gelten in der ambulanten Psychotherapie in Deutschland niedrigere Stundensätze in der gesetzlichen Krankenversicherung. Viele Psychotherapeuten warnen, dass diese Kürzungen den Mangel an Therapieplätzen weiter verschärfen könnten. Es besteht die Befürchtung, dass Praxen ihre Kapazitäten auf privat Versicherte verlagern, da die Vergütung für diese deutlich höher ist. In der Landschaft der Psychotherapie zeigt sich ein akuter Bedarf nach strukturellen Lösungen, um Hilfesuchende zeitgerecht mit den richtigen Therapeuten zusammenzubringen.
Ein Antrag der Grünen-Fraktion fordert sogar eine gesonderte Bedarfsplanung für Psychotherapeuten, die sich speziell auf Kinder und Jugendliche konzentriert. Es bleibt zu hoffen, dass diese Entwicklungen nicht nur Lippenbekenntnisse bleiben, sondern tatsächlich zu einer Verbesserung der Situation führen.