Das Gesundheitssystem in Deutschland hat für viele Menschen, insbesondere für trans, intergeschlechtliche und nicht-binäre Personen, oft mehr Hürden als Lösungen parat. Dies zeigt sich in den Erfahrungen von Betroffenen, die sich mit einem System auseinandersetzen müssen, das häufig nicht auf ihre spezifischen Bedürfnisse eingeht. Jonah, ein trans Mann, berichtet von seinem eigenen Weg zur Geschlechtsangleichung, den er größtenteils selbst meistern musste. Sein Eindruck ist klar: Es herrscht ein eklatantes Unwissen in der medizinischen Fachwelt, wenn es um Transidentität geht. Anjo, eine intergeschlechtliche Person, hat ähnliche Erfahrungen gemacht und erzählt von der frustrierenden Situation, dass Fachkräfte oft nur auf ihren Personenstand schauen, ohne die Realität ihres Körpers zu berücksichtigen. Solche Erlebnisse können psychisch belastend oder sogar traumatisch sein.
In Deutschland leben Hunderttausende Menschen, die sich als trans, inter oder nicht-binär identifizieren. Das Forschungsteam an der Universität zu Lübeck hat sich dieser Problematik angenommen und arbeitet an Lösungsvorschlägen. Unter der Leitung von Professor Christoph Rehmann-Sutter und Professor Anna Katharina Mangold untersucht das interdisziplinäre Team aus Jura, Ethik, Psychologie, Medizin und Soziologie die Herausforderungen, denen diese Menschen im Rechts- und Gesundheitssystem gegenüberstehen. Lena:Emil Kramheller, ein Mitglied des Forschungsteams, beschreibt das Problem als ein gesellschaftliches und strukturelles. Ziel ist es, Vorschläge für Gesetze und medizinische Praktiken zu entwickeln, die die Menschenrechte aller Geschlechtsidentitäten respektieren. Durch qualitative Interviews mit Betroffenen möchte das Team Wissenslücken schließen und auf Probleme aufmerksam machen, die in der Gesellschaft oft ignoriert werden.
Ein Blick auf Diskriminierung im Gesundheitssystem
Die Erfahrungen von Sue Ehmisch, einer trans* Frau, verdeutlichen die Herausforderungen, die queere Menschen im Gesundheitssystem erleben. Sie wurde von einer Gynäkologin abgewiesen, weil sie noch nicht geschlechtsangleichend operiert war. Solche Diskriminierungen sind leider keine Einzelfälle. Laut einer EU-Studie aus dem Jahr 2020 haben 17% der befragten queeren Menschen Diskriminierung im Gesundheitswesen erfahren. Die Ursachen hierfür sind vielfältig: unsensible Sprache, falsche Pronomen, die Psychologisierung von Homosexualität und Transgeschlechtlichkeit sowie übergriffige oder beleidigende Kommentare sind nur einige der Probleme, die Betroffene häufig erleben. Diese Diskriminierungen können nicht nur zu Fehldiagnosen führen, sondern auch dazu, dass queere Menschen notwendige medizinische Angebote meiden.
Die Notwendigkeit einer queersensiblen Medizin ist unumstritten. Einige Arztpraxen haben bereits Maßnahmen ergriffen, um sich auf die spezifischen Bedürfnisse queerer Menschen einzustellen. Dazu gehören Schulungen für das Personal und optimierte Abläufe. Die Plattform queermed-deutschland.de listet über 1.700 Empfehlungen für queersensible Praxen, die von der Community stammen. Dennoch bleibt die Situation in ländlichen Gebieten oft schwierig, da es dort weniger queersensible Praxen gibt. Um das Bewusstsein für diese Themen zu schärfen, haben einige Landesärztekammern bereits Fortbildungen für medizinisches Personal zu queersensibler Medizin eingeführt. Ein Beispiel für innovativen Ansatz ist das Wahlfach, das Medizinstudent Dario Ponto an der Ludwig-Maximilians-Universität München gegründet hat, um Diskriminierung im Gesundheitswesen abzubauen.
All diese Bemühungen sind notwendig, um eine gesundheitliche Versorgung zu gewährleisten, die unabhängig von Sexualität und Identität ist. Es liegt an uns allen, aktiv gegen Diskriminierung und Missverständnisse im Gesundheitswesen anzukämpfen und dafür zu sorgen, dass jeder Mensch die medizinische Betreuung erhält, die er oder sie benötigt.