In der heutigen hektischen Welt, in der Stress und Unsicherheiten omnipräsent sind, erfreuen sich Achtsamkeitspraktiken wie Yoga, Meditation und Atemübungen großer Beliebtheit. Doch die Flensburger Autorin Kathrin Fischer warnt in ihrem Buch Achtsam geht die Welt zugrunde, dass diese Praktiken oft einer gefährlichen Ideologisierung unterliegen. Laut Fischer verlagert sich der Fokus von gesellschaftlichen und politischen Problemen auf das Individuum, was die wahren Ursachen von Stress und Unwohlsein ausblendet. Ihr Werk, das bei hanserblau erscheint und 256 Seiten umfasst, ist für 22 Euro erhältlich und soll als Denkschrift dienen, um mehr Aufmerksamkeit auf die strukturellen Herausforderungen unserer Zeit zu lenken.
Fischer, die selbst seit vielen Jahren Qigong praktiziert und es als positiv empfindet, thematisiert in ihrem Podcast Erschöpfung statt Gelassenheit die gesellschaftlichen Aspekte von Achtsamkeit. Sie kritisiert, dass die Achtsamkeitsideologie den Eindruck vermittelt, dass einfaches bewusstes Atmen oder Meditation die Lösung für alle Probleme ist. Stattdessen führt sie aus, dass die Zunahme von Stressfaktoren seit den 1980er-Jahren, insbesondere nach der neoliberalen Wende, nicht ignoriert werden darf. Diese Veränderungen, einschließlich des Abbaus sozialstaatlicher Sicherungen und der Privatisierung öffentlicher Güter, wie etwa im Wohnungsmarkt, haben zu einer Vielzahl äußerer Stressoren geführt: steigende Mieten, unsichere Arbeitsplätze, Krieg und die Klimakrise sind nur einige Beispiele.
Achtsamkeit als Ideologie
Fischer warnt davor, dass die Achtsamkeit als Ideologie oft dazu führt, dass individuelle Probleme nicht politisch adressiert werden. Stattdessen geraten sie in den Bereich spiritueller Lernaufgaben, was die moralische Überheblichkeit der Mittelklasse verstärkt. Diese Tendenz führt dazu, dass sozial benachteiligte Gruppen noch weiter ausgegrenzt werden. Viele Menschen neigen dazu, Ratschläge zu erteilen, wie etwa Meditation oder Yoga, anstatt echte Unterstützung zu bieten. Dies vermindert nicht nur das Bewusstsein für die strukturellen Probleme, sondern trägt auch dazu bei, dass die Resilienz der Betroffenen nicht gefördert wird.
Die Kritik an der Ideologisierung von Achtsamkeit ist ein wichtiger Beitrag zur Debatte über das Wohlbefinden in der Gesellschaft. Fischer hebt hervor, dass Wohlbefinden nicht nur eine individuelle Angelegenheit ist, sondern auch von der gesellschaftlichen Organisation abhängt. Achtsamkeitspraktiken können zwar positive Effekte auf Depressionen und Ängste haben sowie Langzeitstress verringern, doch sie sollten nicht als Ersatz für notwendige strukturelle Veränderungen betrachtet werden.
Der Weg zu mehr Bewusstsein
Ein weiterer Aspekt, den Fischer anspricht, ist die sinkende Toleranz für Verletzlichkeit im sozialen Miteinander. In einer Zeit, in der viele Menschen mit Unsicherheiten kämpfen, ist es wichtiger denn je, echte Unterstützung zu leisten und die Probleme nicht einfach auf den Einzelnen abzuwälzen. Achtsamkeit kann zwar helfen, Stress und chronische Erkrankungen zu lindern, wie zum Beispiel beim beliebten Waldbaden, das gesundheitsfördernde Effekte hat, jedoch muss das Bewusstsein für die gesellschaftlichen Probleme geschärft werden, um langfristige Lösungen zu finden.
Fischers Buch ist somit nicht nur eine kritische Auseinandersetzung mit der gegenwärtigen Achtsamkeitsbewegung, sondern auch ein Aufruf, die eigene Verantwortung in der Gesellschaft zu erkennen und aktiv an der Schaffung eines besseren Umfelds für alle Menschen mitzuwirken. In einer Zeit, in der die Herausforderungen groß sind, ist es wichtig, dass wir nicht nur auf uns selbst achten, sondern auch auf das Wohl unserer Gemeinschaft.